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das sechste gebot

das
sechste gebot
Ein puritanisches Dorf im 17. Jahrhundert: hier geschehen
seit kurzem seltsame Dinge. Mädchen tanzen im Wald, lachen beim Gebet und
fallen reihenweise in Ohnmacht. Es dauert nicht lange, und schon ist von Hexerei
die Rede. Plötzlich stehen Menschen am Pranger, die ihr Leben lang nur
Gutes getan haben. Als der erste am Galgen hängt, wird allen klar: hier
gibt es kein zurück.
Wir haben den Fall Salem neu aufgerollt und erstaunliches herausgefunden: steckt
hinter allem doch eine höhere Macht?
Es
spielten
Anna Heckmann, Marion Krüger, Johanna Malchow, Marc C. Behrens, Cantemir
Gheorghiu, Stephan Eberhard und Robert Kluth
Erarbeitung
Sebastian Zett
Assistenz
Michel Wagenschütz
Premiere war am o5. Juli 2oo8 im ACUD-Theater.
Das Ensemble der Fortgeschrittenen 2oo7/o8
begann im Oktober 2oo7. Alle Spieler hatten bereits mehrjährige Theatererfahrung;
zudem standen die meisten von ihnen auch schon in Berlin auf der Bühne
(Volksbühne, HAU, brotfabrik etc.). Im Februar 2oo8 gastierte die Gruppe
mit einem Auszug aus der Produktion auf dem 100GRAD-Festival im "Hebbel
am Ufer" (HAU) und im Mai dann auf dem internationalen Studententheaterfestival
in Brno (Brünn)/Tschechien.
das sechste gebot
entstand in einem Zeitraum von etwa sechs Monaten. Die Probenphase begann
mit einem Wochenende im Wendland und fand ihren Höhepunkt in der Schottland-Reise
kurz vor der Premiere im Juli 2oo8. Dort, in einem großen Haus direkt
am Meer, lebte und arbeitete das Ensemble eine Woche lang (Reisebericht unten).
Zur Inszenierung
Ein schwarzer Raum, zwei Männer in schwarz. Sie spannen ein
Tuch, eine Art Wandschirm. Plötzlich sind Laute zu vernehmen: eine Frau
gebährt ihr Kind, man hört sie keuchen, stöhnen. Nach ein paar
Minuten scheint alles geschafft. Einen Augenblick lang ist es still, dann
lautes Kreischen. Nein, nicht das Neugeborene schreit, sondern die Frau: das
Kind ist tot.
Mit diesem Intro begann unsere Inszenierung. Am Ende der Szene sieht man zwei
Mädchen in mittelalterlicher Tracht ihre Runden ziehen, sie umkreisen
die weinende Frau, die zusammengekrümmt zwischen den Laken liegt. Dazu
ein altgälisches Lied. Bei der Frau handelt es sich um Ann Putnanm. Das
Kind ist ihre siebte Totgeburt. Wer die Geschichte der Hexenprozesse von Salem
kennt, weiß, dass Frau Putnam nach so vielen Totgeburten abergläubisch
wurde, sie dachte, ein Fluch lastet auf ihr.
Auch in unserer Jahresproduktion 2008 sind wir den Weg kosequent weiter gegangen,
den wir im lux vier Jahre zuvor eingeschlagen haben: Inszenierungen, die nicht
von der Ausstattung oder Effekten leben, sondern vom Spiel, von der Interaktion
auf der Bühne, von echten Emotionen.
Insofern wurde auch diese Inszenierung wieder mit einfachen Mitteln realisiert,
wir konzentrierten uns wie auch schon bei der „Bluthochzeit“ ganz
auf den Raum. Wir verzichteten auf Vorhänge und Stoffe, sondern benutzten
die eigentlichen Räumlichkeiten im Acud: die Türen, die es dort
auf der Bühne gibt wurden ebenso integriert wie Wandnischen, in denen
man Objekte platzieren konnte etc. Mitgebracht hatten wir lediglich ein paar
Stühle. In unserem Stück gab es vier Orte und da jeder Ort nur einmal
angespielt wurde, wanderte das Bühnenzentrum im Laufe der Aufführung
ganz langsam von rechts nach links. Durch die Beleuchtung grenzten wir den
gesamten restlichen Bühnenbereich jeweils völlig aus. Da es ja kein
weiteres Bühnenbild gab, brauchten wir nichts weiter zu tun, als jeweils
die Stühle von rechts zur Mitte und von dort dann nach links zu schieben.
Die gesamte Stimmung wurde eindrücklich durch die Beleuchtung erzeugt.
Am Ende waren die Stühle dann ganz weg, denn der Schluss spielte draußen
und dazu benutzten wir die gesamte Bühne.
Einen besonderen Schwerpunkt setzten wir beim „Sechsten Gebot“
auf die Kostüme: sie waren gänzlich mittelalterlich gehalten, nachdem
wir diesbezüglch ausführlich recherchiert hatten. So trugen die
Frauen z.B. nicht nur Schürzen, sondern auch Lätze und Hauben auf
dem Kopf. Die Männer hatten allesamt an den Knien abgebundene Hosen und
– bis auf den Bauern John Proctor – Rüschen. Gerade auch
weil wir ohne Bühnenbild arbeiteten kamen die Kostüme enorm zur
Geltung.
Die Handlung wurde von uns traditionell getragen, wobei wir den Focus auf
die Dreiecksbeziehung John Proctor-Elisabeth Proctor-Abigail Williams lenkten.
Ausgangspunkt für unsere Interpretation war die Frage: war Abigail vielleicht
wirklich eine Hexe? Wir fanden den Gedanken spannend; gerade das Mystische,
das Unerklärliche, der Aberglauben - das waren die Dinge, die uns interessierten
und so haben wir versucht, der ganzen Inszenierung einen düsteren Schatten
zu geben. Abigail kommt, bringt alles durcheinander, zettelt eine Massenverurteilung
mit unzähligen Todesstrafen an (zwischenzeitlich saßen in Salem
mehr als 400 Personen im Gefängnis!) und verschwindet dann plötzlich
wieder. Das fanden wir spannend. Wir haben es so dargestellt, dass es unklar
bleibt, ob sie über übersinnliche Kräfte verfügt oder
nicht.
Eine weitere Besonderheit lag diesmal auf den getanzten Biographien. Wer schon
lux-Inszenierungen gesehen hat, weiß, dass wir sehr körperbetont
arbeiten. So gibt es bei uns immer viel Bewegung, viele Verfremdungseffekte
und Tänze. Da wir nun auch das „Sechste Gebot“ ganz klassisch
nach Stanislawski erarbeitet haben, ging es im Unterrricht zunächst ums
Rollenstudium. Jeder Spieler musste sich eine Biographie für seine Figur
ausdenken und diese auch aufschreiben. Zu diesem Zweck wurde im Vorfeld auch
mit jedem der acht Spieler ein zweistündiges Rollengespräch geführt,
in dem die wichtigsten Fragen geklärt wurden.
Damit dann auch die Zuschauer etwas von den Biographien mitbekommen, haben
wir diesmal versucht, sie tänzerisch umzusetzen. Das ermöglichte
eine Vorstellung jeder einzelnen Figur ohne Sprache. Wir haben diese Tanzsequezen
über die gesamte Spiellänge (3 Stunden) verteilt. Es lief immer
gleich ab: an einer passenden Stelle, oft auch, wenn die Figuren gerade allein
waren, kam Musik wie aus dem Jenseits und die Figuren fingen an sich zu bewegen,
so, als würden sie in einen Traum tauchen. Am Ende wurden sie jeweils
von einer anderen Figur aus ihrem Traum geholt.
In der Biographie konnten auch Dinge gezeigt werden, die eigentlich im Stück
gar nicht vorkommen, zum Beispiel bestimmte Vorlieben, Ängste, Kindheitserinnerungen.
Das alles natürlich sehr abstrakt gehalten. Als Musik verwandten wir
den immer gleichen Song, sodass der Zuschauer schon wusste, wenn die Musik
begann: jetzt kommt wieder eine Biographie.
Ebenso abstrakt: die Waldszenen. Da der Wald der einzige Ort außerhalb
geschlossener Räume war, haben wir ihn ins Surreale gehoben. Die Bäume
wurden von den anderen sechs Spielern dargestellt. Am Anfang lagen alle auf
dem Boden, im Laufe der Szene richteten sie sich dann ganz langsam auf, begannen
also zu wachsen. Irgendwann waren sie dann große Bäume mit ausladenden
Ästen, zwischen denen John und Abigail auch hin- und herlaufen konnten.
Diese Szene leitete dann die Ensemblephase ein - im dritten Teil stand der
Großteil des Ensembles zusammen auf der Bühne, was von allen Spielern
sehr geschätzt wurde. Das Ganze mündete dann auch in einem Gruppentanz,
in dem noch einmal die Unfähgkeit der Figuren, das System zu durchbrechen,
gezeigt wurde.
Theaterreise
nach Schottland
Aus dem Reisebericht:
"Ein
windiger Tag im Juni. Wir stehen am Flughafen Schönefeld. Endlich! Endlich
hat das Warten ein Ende, geht es auf Probenfahrt. Wir sind gespannt - hinter
uns liegen neun Monate Wartezeit, vor uns zehn Tage Schottland.
Der Flieger nach Glasgow hat Verspätung. Dank der Zeitverschiebung auf
der Insel ist es aber immer noch früher Nachmittag, als wir die Stadt
am Clyde erreichen. Nach der obligatorischen Busfahrt ins Zentrum und einem
halbstündigen Marsch auf der Suche nach unserer Herberge dann die Ernüchterung:
das Backpacker-Hostel ist zwar das günstigste in der Stadt, aber wohl
auch eines der heruntergekommensten. Naja, wir nehmens mit Humor, schließlich
wollen wir dort nicht residieren, sondern nur eine Nacht schlafen. Die Sachen
abgelegt und schon gehts wieder ab in die City. Es ist ziemlich frisch in
Schottland: bei 15 Grad fegt ein flottes Lüftchen um die Häuserecken,
in Berlin waren es zehn Grad mehr. Als es dann auch noch den ersten starken
Regenguss gibt, zieht es uns in den nächstbesten Pub. Wir probieren die
"schottische Küche" ;-) Das heißt: Hamburger mit Pommes
und Salatblatt (ok, manche essen auch Fish'n'Chips oder Pasta). Ist aber alles
sehr lecker. Nur das Bier ist noch recht.. nun ja.. mild. Wir ziehen in den
nächsten Pub. Dort ist ordentlich was los, viele feiern ausgelassen,
den ganzen Abend über wird Karaoke zelebriert, jeder der Stand-up-Sänger
hat scheinbar sein eigenes Publikum mitgebracht, das ihn/sie ordentlich anfeuert.
Auch ein paar Luxer wagen sich auf die Bühne. So wird die Nacht recht
kurz.
Am nächsten Morgen wartet der Zug nach Norden auf uns: die Highlands
rufen. Nach vier Stunden Fahrt durch atemberaubende Landschaften ist Inverness
erreicht, das Städtchen am Loch Ness. Erstaunlicherweise ist es dort
sogar sommerlich, die Sonne kommt heraus. Nachdem wir unsere Mietautos abgeholt
haben und der erste Großeinkauf getätigt ist, geht es wieder auf
die Reise; noch einmal drei Stunden Autofahrt liegen vor uns, ehe wir in dem
kleinen Crofter-Dorf Achiltibuie ankommen.
Die lange Anreise hat sich gelohnt: als wir unser Haus am frühen Abend
endlich betreten können, bricht großer Jubel in der Gruppe aus.
Das Haus befindet sich in spektakulärer Lage direkt am Meer mit Blick
auf die Summer-Isles, die umliegenden Highlands und in der Ferne begrüßt
uns der offene Atlantik. Das hier ist definitiv das Ende der Welt! Um unser
Haus herum nur noch ein paar vereinzelte Häuschen und sonst weit und
breit nur Wiesen und Schafe. So wie man sich Schottland eben vorstellt. Da
eine anstrengende Woche bevorsteht, ist es umso schöner, ein so komfortables
Haus zu bewohnen: es gibt insgesamt sechs Schlafzimmer, jedes mit eigenem
Bad(!), dazu zwei Wohnzimmer und eine riesige Wohnküche. Im großen
Wohnzimmer befindet sich eine Fensterfront, von der aus man die traumhafte
Lage genießen kann.
Es gibt also reichlich Platz! Neben den täglichen Einzelproben gibt es
jeden Abend einen Durchlauf und anschließend auch noch Vorträge
zu bestimmten stückrelevanten Themen wie Hexenverfolgung oder Puritanismus,
die manchmal in hitzigen Gruppendebatten enden. Doch als wäre das nicht
genug hat die Gruppe oft noch nachts um drei Lust auf ein paar Impros und
Spiele, sodass meist erst bei Sonnenaufgang ins Bett gegangen wird...
Als dann drei Tage später auch noch unser Regieassistent Michel vor Ort
eintrifft - wir holen ihn im kleinen Städtchen Ullapool vom Bus ab -
ist die Gruppe endlich komplett.
In der Wochenmitte dann der übliche freie Tag, auch diesmal gibts einen
Ausflug. Leider beginnt es, kaum dass wir eine Stunde unterwegs sind, zu regnen.
Wir lassen uns aber die Laune nicht verderben und fahren trotzdem weiter zum
Point of Stoer, wo wir an der Steilküste zu Fuße eines Leuchtturmes
ein Regenpicknick veranstalten.
Nach einer Woche heißt es dann wieder Abschied nehmen: wieder geht es
die einsame Sandpiste entlang in Richtung Ullapool, von dort weiter nach Inverness,
dann weiter mit dem Zug. Am nächsten Tag dann wieder Ankunft in Berlin.
Schade! Wir freuen uns schon aufs nächste Jahr. Wo es dann wohl hingeht?"
Gastspiel in Brünn
Aus dem Reisebericht:
"Am letzten Wochenende im Mai war es soweit: das lux gab sein erstes
Auslandsgastspiel. Wie berichtet waren wir von der Universität Brünn
(Brno) zum internationalen Studententheaterfestival "Drehbühne Brünn"
eingeladen worden, auf dem sich deutschsprachige Theatergruppen aus Polen,
Österreich, Tschechien und Deutschland trafen.
In aller Frühe also stieg das Ensemble der Fortgeschrittenen am Donnerstag
in den Zug. Nach sieben Stunden Fahrt hatte die Gruppe dann ihr Ziel erreicht.
Kaum angekommen hiess es auch schon ab ins Getümmel - Studenten der Germanistik
hatten eigens für die Berliner einen literarischen Stadtspaziergang organisiert.
So lernten sie das „Paris Mährens“, wie die Brünner
ihre Stadt liebevoll nennen, gleich von seiner künstlerischen Seite kennen
und erfuhren allerhand Interessantes über so berühmte Personen wie
Robert Musil, Peter Härtling oder die Geschwister Klaus und Erika Mann,
die allesamt eine Zeit lang in der Stadt gelebt hatten. Die Führung war
absolut gelungen. Da alle nach der langen Bahnfahrt schon etwas müde
waren, war es umso schöner, dass die Stadtführer mit immer neuen
Überraschungen aufwarteten - so gab es einmal einen Gedichtvortrag, dann
wieder etwas zu essen (z.B. Oblaten) oder es wurde ein Musikstück vorgespielt...
Im Anschluss an die Führung blieb kaum mehr Zeit etwas zu essen, denn
vom Studentenwohnheim, in dem die Luxer untergebracht waren und wo nur kurz
das Gepäck abgelegt wurde, ging es direkt ins Theater. Dort warteten
schon die anderen Gruppen, denn die ersten zwei Aufführungen standen
an...
In diesem Tempo ging es dann auch die restlichen Tage weiter: die Vormittage
standen meist im Zeichen von Workshops und Proben, an den Nachmittagen konnte
man sich ein wenig in der Stadt umsehen und abends gab es dann jeweils zwei
Vorstellungen zu sehen. Gespielt wurde im "Theater Barka", einem
der zahlreichen Brünner Stadttheater.
Unser Auftritt fand am Freitagabend statt. Die Fortgeschrittenen zeigten einen
Ausschnitt aus der Jahresproduktion, die ja erst Anfang Juli Premiere hat.
Die Vorstellung lief ausgezeichnet und kam auch beim Publikum sehr gut an.
Natürlich wurde in Brünn auch gefeiert, wie sich das für so
ein Festival gehört; so bekamen alle in den vier Tagen ziemlich wenig
Schlaf... Am Sonntag hieß es dann leider schon wieder Abschied nehmen.
Einziger Trost: ein dreistündiger Zwischenstopp in Prag, das quasi am
"Wegesrand" lag. Gegen Mitternacht war die Gruppe dann wieder in
Berlin.
Abschließend lässt sich nur sagen, dass die Zeit in Brünn
allen sehr gefallen hat. Hoffen wir, es war nicht das letzte Festival dieser
Art - und wer weiss, vielleicht kommen die Brünner ja auch einmal nach
Berlin?!
Unser besonderer Dank geht an die "Gruppe 07" und an alle, die bei
der Vorbereitung und Durchführung des Festivals geholfen haben!"
Fotos
>von den Proben
>von der Auswahlfahrt nach Lomitz
>vom 100Grad-Festival 2008
>von der Gastspielreise nach Brünn
>von der Reise nach Schottland